
Autogenes Training und Daoistische Lebenspflege
Ein theoretisches Integrationskonzept
Ausgangslage
Johannes Heinrich Schultz entwickelte das Autogene Training (AT) in den 1920er Jahren aus Beobachtungen in der Hypnoseforschung. Die Methode arbeitet mit der Fähigkeit des vegetativen Nervensystems, durch konzentrative Selbstversenkung in einen Zustand der Umschaltung zu gelangen – vom sympathikotonen Aktivierungsmodus in die parasympathische Regeneration.
Die daoistische Lebenspflege (Yangsheng) kultiviert seit Jahrtausenden die drei Schätze (San Bao): Jing (Essenz), Qi (Lebensenergie) und Shen (Geist). Diese werden den drei Dantian zugeordnet – energetischen Zentren, die als Speicher und Transformatoren dieser vitalen Kräfte verstanden werden.
Beide Systeme teilen eine fundamentale Einsicht: Der Organismus reguliert sich selbst, wenn die Bedingungen stimmen. Das AT nennt dies „passive Konzentration“, der Daoismus spricht von Wu Wei – Handeln durch Nicht-Eingreifen.
Hara – Die Erdmitte
Karlfried Graf Dürckheim hat mit seinem Werk „Hara – Die Erdmitte des Menschen“ eine wesentliche Brücke zwischen östlicher Praxis und westlichem Verständnis geschaffen. Das japanische Hara entspricht dem chinesischen unteren Dantian. Dürckheims Übersetzung als „Erdmitte“ trifft den Kern: Im alten Kanji für Hara (肚) bedeutet das rechte Radikal „Erde“, das linke „geöffneter Körper“.
Das Hara ist nicht primär ein Ort der Wärme, sondern der Verankerung. Die zentrale Qualität ist Erdung – ein fester Ankerplatz, der es ermöglicht, von den Wechselfällen des Lebens berührt zu werden, ohne die Mitte zu verlieren. Mit einem kultivierten Hara kann man den Stürmen des Lebens standhalten und gefestigter durch Krisen gehen.
Diese Unterscheidung ist wesentlich für die Integration mit dem AT: Wärme und Erdung sind verschiedene Qualitäten, die verschiedenen Zentren zugehören.
Die drei Dantian und ihre Entsprechungen
| Dantian | Lokalisation | Schatz | Qualität | AT-Übung |
|---|---|---|---|---|
| Unteres (Xia Dantian) | Unterleib, ca. 3 Cun unter dem Nabel | Jing (Essenz) | Erdung, Ruhe, Gelassenheit | Angepasste Bauchübung |
| Mittleres (Zhong Dantian) | Brustmitte, Höhe der Brustwarzen | Qi (Energie) | Wärme, Durchströmung | Herz, Atem |
| Oberes (Shang Dantian) | Zwischen den Augenbrauen | Shen (Geist) | Kühle, Klarheit | Stirnkühle |
Kritische Betrachtung der klassischen AT-Zuordnung
Schultz‘ Sonnengeflecht-Übung zielt auf den Plexus solaris – ein Nervengeflecht zwischen Nabel und Brustbein, anatomisch dem mittleren Erwärmer (Zhongjiao) der TCM entsprechend. Die klassische Formel „Mein Sonnengeflecht ist strömend warm“ adressiert die Verdauungsorgane und erzeugt Wärme – eine Qualität, die dem mittleren Dantian zugehört.
Das untere Dantian (Qihai, „Meer des Qi“) liegt tiefer – etwa drei Fingerbreit unter dem Nabel. Seine Qualität ist nicht Wärme, sondern Erdmitte: Ruhe, Gelassenheit, Getragensein. Dies entspricht der Schwere-Qualität der ersten AT-Übung mehr als der Wärme-Qualität des Sonnengeflechts.
Theoretische Integration
Gemeinsamkeiten der Wirkmechanismen
Das AT arbeitet über Autosuggestion mit dem vegetativen Nervensystem. Die Formeln erzeugen – nach Schultz‘ Formulierung – eine „Meldung ans Gehirn“, die eine Umschaltung der autonomen Regulation bewirkt: vom sympathikotonen Aktivierungsmodus in die parasympathische Erholung.
Die daoistische Praxis arbeitet mit Yi (Intention) und beschreibt denselben Mechanismus in anderer Sprache: Wohin die Aufmerksamkeit geht, dorthin folgt das Qi.
Beide Systeme betonen das Geschehenlassen. Schultz sprach von „passiver Konzentration“ – man beobachtet, was von selbst geschieht, ohne es zu erzwingen. Im Daoismus heißt es: Der ruhige Geist sammelt das Qi von selbst, wenn er nicht eingreift.
Unterschiede in der Topografie
Das klassische AT kennt keine systematische Körpertopografie jenseits der anatomischen Strukturen. Die daoistische Tradition arbeitet mit einem differenzierten System von Energiezentren und Leitbahnen.
Die Integration beider Systeme ermöglicht eine Erweiterung der AT-Praxis um die Dantian-Topografie, ohne den neurophysiologischen Rahmen zu verlassen.
Erweitertes Formelwerk: AT mit Dantian-Fokus
Unteres Dantian (Xia Dantian) – Erdmitte
Die Qualität ist Ruhe, Gelassenheit, Getragensein – nicht Wärme:
- „Ich ruhe tief in meiner Mitte.“
- „Meine Mitte ist ruhig und gelassen.“
- „Mein Grund trägt mich.“
Mittleres Dantian (Zhong Dantian) – Wärme und Weite
Hier gehört die Wärme-Qualität hin, ergänzt durch Weite:
- „Mein Herzraum ist weit und offen.“
- „Im Zentrum meiner Brust ist Ruhe.“
- „Mein Herz arbeitet ruhig und gleichmäßig.“
Oberes Dantian (Shang Dantian) – Klarheit
Entspricht der klassischen Stirnkühle:
- „Meine Stirn ist angenehm kühl.“
- „Der Raum zwischen meinen Augenbrauen ist entspannt und ruhig.“
Die vertikale Achse: Zhong Mai und AT
Die daoistische Tradition kennt den Zhong Mai – den Zentralkanal, der die drei Dantian verbindet. Für das erweiterte AT ergibt sich daraus eine Übungsstruktur:
Absteigende Sequenz (Sammlung, Erdung)
- Stirnkühle – Klarheit, Beruhigung des Geistes
- Brustraum – Weite, Öffnung des Herzens
- Unterbauch – Ruhe, Verankerung in der Erdmitte
Aufsteigende Sequenz (Belebung, Klärung)
- Unterbauch – Ruhe, Aktivierung der Wurzel
- Brustraum – Ausdehnung, freier Atem
- Stirn – Kühle, wacher Geist
Die klassische AT-Reihenfolge (Schwere → Wärme → Herz → Atem → Sonnengeflecht → Stirn) folgt einer anderen Logik: von der Peripherie zum Zentrum, vom Willkürlichen zum Vegetativen. Diese Logik bleibt erhalten; die Dantian-Perspektive ergänzt sie um eine vertikale Dimension.
Die drei Schätze im AT-Kontext
| Schatz | Bedeutung | AT-Korrelat | Coaching-Relevanz |
|---|---|---|---|
| Jing (Essenz) | Substanz, Konstitution, Lebenskraft | Schwere-Erleben, Erdmitte | Grundvertrauen, Stabilität unter Druck |
| Qi (Energie) | Dynamik, Wandlung, Lebendigkeit | Wärme-Erleben, Durchströmung, Atem | Handlungsfähigkeit, Präsenz |
| Shen (Geist) | Bewusstsein, Klarheit, Führung | Stirnkühle, wache Ruhe | Entscheidungsfähigkeit, Übersicht |
In der daoistischen Alchemie gilt die Reihenfolge der Kultivierung: Jing nährt Qi, Qi nährt Shen. Im Coaching-Kontext bedeutet dies: Ohne Erdung (Jing) keine verlässliche Energie (Qi), ohne klare Energie kein klarer Geist (Shen).
Praktische Konsequenzen
Die Bauchübung im integrierten Ansatz
Im integrierten Ansatz wird zwischen zwei Bauchregionen unterschieden:
Das Sonnengeflecht (klassische AT-Übung) adressiert den Bereich zwischen Nabel und Brustbein. Die Qualität ist Wärme und Durchströmung.
Das untere Dantian (Ergänzung) adressiert den Bereich drei Fingerbreit unter dem Nabel. Die Qualität ist Erdmitte – Ruhe, Gelassenheit, Getragensein. Die Formeln lauten: „Ich ruhe tief in meiner Mitte“ oder „Meine Mitte ist ruhig und gelassen.“
Die Dantian-Wahrnehmung als Einstimmung
Vor der klassischen AT-Sequenz kann eine kurze Wahrnehmungsübung der drei Zentren stehen:
- Aufmerksamkeit auf den Raum zwischen den Augenbrauen – Stille
- Aufmerksamkeit auf die Mitte der Brust – Weite
- Aufmerksamkeit auf den Unterbauch – Ruhe und Gelassenheit
Diese Übung dauert 2–3 Minuten und etabliert die vertikale Achse als Grundstruktur der Körperwahrnehmung.
Philosophische Verankerung
Die Integration von AT und daoistischer Lebenspflege ist kein eklektisches Zusammenfügen, sondern gründet in gemeinsamen Prinzipien:
Wu Wei – Geschehenlassen: Beide Systeme arbeiten mit dem Paradox des absichtslosen Wirkens. Die Schwere kommt, wenn man sie nicht erzwingt. Das Qi sammelt sich, wenn der Geist ruht.
Selbstregulation: Der Organismus weiß, was er braucht. Die Übung schafft Bedingungen, sie liefert keine Reparatur.
Leibliche Verankerung: Geist und Körper sind nicht getrennt. Die Arbeit am Leib ist Arbeit am Geist; die Beruhigung des Geistes wirkt im Leib.
Kultivierung statt Optimierung: Beide Wege zielen auf Pflege und Entfaltung des Vorhandenen, nicht auf die Implementierung von etwas Neuem.
Literatur und Quellen
- Schultz, J.H.: Das autogene Training. Konzentrative Selbstentspannung. Thieme.
- Dürckheim, Karlfried Graf: Hara – Die Erdmitte des Menschen. O.W. Barth.
- Jiao Guorui: Die 15 Ausdrucksformen des Taiji-Qigong. Mediengruppe Oberfranken.
- Cleary, Thomas (Hrsg.): Die drei Schätze des Dao. Fischer.
- Engelhardt, Ute: Die klassische Tradition der Qi-Übungen (Qigong). Steiner.
Theoriekonzept für die Integration von Autogenem Training und daoistischer Lebenspflege im Rahmen des systemisch-daoistischen Coaching-Ansatzes der Tianwen Academy.
Stand: Januar 2026
