
Sehen, was sieht
Fotografische Praxis als dekoloniale Übung
Ein offenes Konzept der Tiānwèn Akademie
Ausgangslage
Die Kamera ist kein neutrales Werkzeug. Sie materialisiert eine spezifische Epistemologie: ein Subjekt hinter dem Apparat objektiviert, was vor ihm liegt. Der Rahmen schneidet aus dem Kontinuum der Welt ein Fragment, das fortan als „Bild“ zirkuliert – ablösbar von seinem Ursprung, anhäufbar, besitzbar. Diese Struktur wiederholt die koloniale Geste der Aneignung, auch dort, wo die Absichten andere sind.
Wer fotografiert, steht in einer Geschichte der Blicke: der ethnografische Blick, der klassifiziert; der touristische Blick, der konsumiert; der dokumentarische Blick, der bezeugt (und dabei oft erneut objektiviert). Diese Blicke sind eingeübt, automatisiert, körperlich sedimentiert. Sie operieren, bevor bewusste Entscheidungen fallen.
Gleichzeitig: Die Kamera könnte anders verwendet werden. Die Kamera als Werkzeug der Aufmerksamkeit. Fotografieren als Transformation des Sehens selbst. Die Frage ist nicht, wie man „bessere“ oder „ethischere“ Fotos macht – sondern was mit dem Sehen geschieht, wenn es von bestimmten Fragen durchdrungen wird.
Die Kōan-Tradition bietet hier eine Struktur: Fragen, die nicht beantwortet, sondern bewohnt werden. Nicht intellektuelle Rätsel, sondern somatische Interventionen, die habituelle Muster unterbrechen. Diese Struktur lässt sich transponieren – ohne die soteriologischen Ansprüche des Zen zu übernehmen, ohne Meister, ohne Orthodoxie.
Praxis
Die folgenden Übungen sind Vorschläge, keine Vorschriften. Sie können einzeln oder in Kombination praktiziert werden, allein oder in Gruppen, über kurze oder lange Zeiträume. Sie können verändert, erweitert, verworfen werden. Der einzige Maßstab ist, ob sie etwas in Bewegung bringen.
I. Fragen vor dem Bild
Eine Frage wählen und über einen definierten Zeitraum (eine Woche, ein Monat, eine Saison) mit ihr leben. Die Frage nicht beantworten, sondern mit ihr leben. Vor jedem fotografischen Akt kurz innehalten, die Frage präsent werden lassen, dann entscheiden, ob fotografiert wird oder nicht.
Mögliche Fragen:
Wer sieht? Nicht: Wer drückt den Auslöser? Sondern: Welche Geschichte der Blicke operiert gerade durch mich? Mit wessen Augen sehe ich diesen Moment? Die Frage öffnet die Wahrnehmung der eigenen Situiertheit.
Was will gesehen werden? Die Umkehrung der üblichen Richtung. Nicht: Was will ich sehen/zeigen? Sondern: Was im Sichtfeld wendet sich mir zu? Was fordert Aufmerksamkeit, ohne dass ich es ausgewählt hätte? Eine Übung in Rezeptivität statt Projektion.
Was entzieht sich? Aufmerksamkeit für das, was die Kamera nicht fassen kann. Beziehungen zwischen Dingen. Zeitliche Verläufe. Das, was vor dem Moment war und nach ihm sein wird. Gerüche, Temperaturen, Atmosphären. Die Frage macht die Grenzen des Mediums spürbar – und damit dessen epistemische Vorentscheidungen.
Wem gehört dieses Bild? Noch bevor es existiert: Wer hat Anspruch auf das, was hier sichtbar wird? Nicht im juristischen Sinn, sondern im relationalen. Gehört das Bild dem, der fotografiert? Dem, was fotografiert wird? Der Beziehung zwischen beiden? Niemandem?
II. Perioden ohne Kamera
Bewusste Abstinenz an Orten oder in Situationen, die „fotografiert werden wollen“. Die touristische Sehenswürdigkeit. Das ungewöhnliche Licht. Die malerische Szene. Das Smartphone in der Tasche lassen. Was passiert mit der Aufmerksamkeit, wenn sie nicht zur Aufnahme führt? Wie verändert sich das Sehen, wenn es nicht extrahiert?
Variante: Einen Tag lang alle Impulse zu fotografieren registrieren, ohne ihnen nachzugeben. Was löst den Impuls aus? Welche Muster werden sichtbar?
III. Das unmögliche Bild
Eine Aufgabe, die nicht erfüllt werden kann: Fotografiere eine Beziehung (nicht zwei Menschen, die in Beziehung stehen – die Beziehung selbst). Fotografiere einen Prozess (nicht einen Moment des Prozesses). Fotografiere das, was vor diesem Bild war.
Die Unmöglichkeit ist der Punkt. Die Versuche – und ihr notwendiges Scheitern – machen sichtbar, was die fotografische Epistemologie systematisch ausblendet. Das Scheitern selbst ist die Erkenntnis.
IV. Bilder als Gabe
Fotografieren unter der Bedingung, dass jedes Bild gegeben werden muss. Nicht verkauft, nicht auf Social Media gepostet, nicht im eigenen Archiv akkumuliert – gegeben an jemanden, der einen Bezug zum Abgebildeten hat – oder an das Abgebildete selbst: einen Baum, ein Haus, einen Ort.
Die Gift-Economy-Logik auf den fotografischen Akt anwenden: Bilder dürfen verweilen, aber nicht angehäuft werden. Was verändert sich am Fotografieren selbst, wenn das Ergebnis nicht behalten wird?
Variante: Nur fotografieren, was zurückfotografieren könnte. (Was kann zurückfotografieren?)
V. Das langsame Bild
Eine Szene wählen und über einen langen Zeitraum betrachten, bevor (und ob) fotografiert wird. Zehn Minuten. Eine Stunde. Einen ganzen Tag am selben Ort. Die Verlangsamung gegen die Schnappschuss-Logik. Was wird sichtbar, wenn die Zeit sich dehnt?
Variante: Denselben Ort über Wochen oder Monate immer wieder aufsuchen. Die Veränderungen beobachten. Die eigene Veränderung im Beobachten beobachten.
VI. Gemeinsames Sehen
In einer Gruppe denselben Ort oder dieselbe Szene fotografieren. Die Bilder nebeneinanderlegen, ohne Kommentar. Dann sprechen: nicht über die „Qualität“ der Bilder, sondern über die unterschiedlichen Blicke, die sichtbar werden. Was sehe ich, was andere nicht sehen? Was sehen andere, was ich nicht sehe? Was zeigt sich?
Keine Meister, die bewerten. Nur Spiegel, die zeigen.
Intention
Dieses Konzept will keine bessere Fotografie. Es zielt nicht auf „dekoloniale Kunst“ als neues Genre. Es zielt nicht auf Erleuchtung.
Eine Praxis des Verlernens: Die eingeübten Blickmuster als Muster sichtbar machen, statt sie durch neue, „bessere“ zu ersetzen. Das Automatische unterbrechen. Raum schaffen für ein Sehen, das noch nicht weiß, was es sehen wird.
Eine Praxis der Aufmerksamkeit: Die Kamera als Anlass für vertiefte Wahrnehmung. Das Fotografieren wird zum Übungsfeld, auf dem etwas geschehen kann, das über das Fotografieren hinausgeht.
Eine Praxis der Relationalität: Die Frage nach dem Verhältnis zwischen Sehendem und Gesehenem offenhalten. Die koloniale Struktur (Subjekt objektiviert Objekt) nicht durch Appelle an Ethik aufheben, sondern durch Praktiken, die das Verhältnis selbst befragen.
Die Praxis ist ihr eigener Zweck. Was dabei entsteht – Bilder oder Nicht-Bilder, Einsichten oder Verwirrung, Transformation oder Frustration – ist Material für weitere Praxis. Die Akademie akkumuliert keine Ergebnisse. Sie kultiviert Prozesse.
Zur Verwendung
Dieses Konzept gehört niemandem. Es kann übernommen, verändert, erweitert, verworfen werden. Wer damit arbeitet, ist eingeladen, seine Erfahrungen zu teilen – nicht als Bericht an eine Zentrale, sondern als Beitrag zu einem Gespräch, das keinen Abschluss sucht.
Die Fragen können durch andere ersetzt werden. Die Übungen können modifiziert werden. Der Rahmen (Fotografie) kann auf andere Praktiken übertragen werden: Zeichnen, Schreiben, Feldaufnahmen, Kartieren. Die Struktur (Fragen, mit denen man lebt, statt sie zu beantworten; Verlangsamung; Umkehrung der Richtung; Aufmerksamkeit für das Unmögliche) ist transponierbar.
Was nicht transponierbar ist: die Haltung. Besser fragen lernen. Nicht-Wissen kultivieren. Immer Anfänger bleiben.
Tiānwèn Akademie, 2026 天問 – Himmelsfragen
